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Schmuck mit persönlicher Geschichte - Herzensprojekte (1)

03.03.2019

Susanne persönlich

Ein Gespräch mit der Goldschmiedin Susanne Detemple:

Ich habe eine Goldschmiede – es ist ein kleiner Laden in der Saarbrücker Altstadt und ich fertige mein Schmuck selber, d.h. ich hab meine Werkstatt darin integriert. So ist es sozusagen ein fließender Übergang in den Verkaufsladen. Das war mir immer ganz wichtig, weil ich damit auch die Wertigkeit meines Schmuckes zeige, denn die Leute können mir sozusagen über die Schultern gucken, wie der Schmuck hergestellt wird. Damit entsteht auch eine Geschichte mit den Schmuckstücken. Sie werden nicht einfach aus irgendeiner Vitrine geholt, sondern werden wirklich selber gemacht. Außerdem können die Leute selber Hand anlegen, d.h. ich gebe auch Kurse, in denen die Leute selber lernen, wie sie Schmuck herstellen können. Aber die Leute können auch hier Schmuck entdecken, den sie vielleicht eher in einer anderen Farbe oder etwas anders gestaltet haben wollen, und dann mache ich es nach ihren Vorstellungen.

Du bist ausgebildete Goldschmiedin, hattest aber nicht gleich ein Geschäft?

Ich habe eigentlich Kunstgeschichte und Germanistik in Tübingen studiert. Damals dachte irgendwie jeder, man müsse studieren, wenn man Abitur gemacht hat. Niemand hat eine Ausbildung gemacht. Ich hatte damals zwar geschwankt zwischen Goldschmiedin und Kunstgeschichte, aber Studium war das Naheliegende, was ich auch nicht bereue. Ich hab aber im Studium gemerkt, dass es nichts ist, womit ich alt werden möchte. Denn ich wollte unbedingt morgens aufstehen und gern zur Arbeit gehen. Nie wollte ich montags schon auf den Freitag hoffen. Und ich habe schnell erkannt, dass ich das mit meinem Studium nicht erreichen werde. Eher sogar, dass es mit Kunstgeschichte nicht so leicht sein würde, eine wirklich befriedigende  Arbeitsstelle zu finden.

Aber schon im Studium fehlte mir das Kreative. Ich fand mein Glück nicht im Schreiben einer 30-seitigen Hausarbeit. Ich habe das Studium dennoch beendet und habe dann eine Ausbildung zur Goldschmiedin angefangen. In der Abstellkammer in meiner Wohnung habe ich Schmuck hergestellt und bin damit auf Kunsthandwerkermärkte gegangen und habe dort meinen Schmuck verkauft. Das war auch eine wichtige Erfahrung um zu sehen, ob mein Schmuck ankommt bei den Leuten.

Und dann ist es immer mehr geworden. Der Wunsch nach einem Laden war immer da. Es war zwar klar, dass ich diesen Wunsch nicht in Tübingen verwirklichen kann -  da ist die Miete einfach zu teuer. Eigentlich wollten mein Mann und ich an den Bodensee und dann hat die familiäre Seite meines Mannes im Saarland uns hierhin gebracht. Dann war die Werkstatt erst mal wieder nur zu Hause und ich habe gekellnert, um Geld zu verdienen. Denn hier musste ich ja erst mal Fuß fassen und bekannter werden.

Dann kam aber irgendwann der Laden und dann ging es eigentlich recht schnell.

Vorweg ging eine Reise nach Indien, wir waren drei Wochen in Süd-Indien und es war ganz traumhaft. Vorher hatte ich den leerstehenden Laden in Saarbrücken gesehen. Irgendwann unterwegs habe ich meinem Mann beim Frühstück davon erzählt und er sagte ganz aufgeregt „Wir müssen da sofort anrufen, den Laden musst du mieten“. Ich bin da eher etwas schwäbisch und vorsichtig geprägt und wollte das erst mal gut überlegen.

Wir kamen im Februar ins trübe Deutschland zurück aus dem Farbenmeer in Indien und ich saß hier auf dem Sofa und dachte, es geht so nicht mehr. Ich will jetzt nicht länger kellnern. Ich rief dann den Vermieter an und vier Wochen später habe ich den Laden tatsächlich gemietet.

Ich bin wirklich über meinen Schatten gesprungen. Indien hat mir irgendwie den Mut gegeben,  dass es irgendwie schon funktionieren wird, denn in Indien funktioniert auch so vieles und viele kommen mit sehr wenig aus. Ich wollte zwar nicht in eine große Schuldenfalle gehen, aber ging erst mal das Risiko ein. Also letztendlich war es eine Mischung aus vielem, was mich dazu gebracht hat, den Schritt zu gehen.

Aber es war schon ein wirklich mutiger Schritt zu sagen: „So jetzt springe ich!“ Die Sicherheit hat man ja nie, dass es wirklich funktioniert. Ich wusste zwar, dass mein Schmuck gut ankommt, dass mein Schmuck auch qualitativ hochwertig genug ist, dass die Leute ihn kaufen, aber nicht, ob ein eigener Laden sich tragen wird. Ob man die Fixkosten regelmäßig reinholen kann – das weiß man halt nie vorher.

Mit den Kunsthandwerkermärkten hatte ich mittlerweile die Erfahrung, wenn bestimmte Bedingungen stimmten - gutes Wetter und viel Publikum -, dann kann ich den und den Umsatz ungefähr machen, aber ist das etwas, was man auf sechs Tage in einem Laden übertragen kann? Das wusste ich nicht. Das muss man dann einfach ausprobieren.

Du hast bewusst die bessere Lage gewählt in der Altstadt und in Marktnähe? War dir klar, dass du genau da hin musst, wenn es gelingen soll?

Ja, es ist zwar nicht die allerbeste Adresse, denn die hätte ich nicht bezahlen können, aber eine Seitengasse vom Hauptmarktplatz immerhin. Und mein Laden ist natürlich winzig klein und hat auch ein paar praktische Nachteile. Das heißt aber auch, dass ich nicht eine große Fläche finanzieren musste, das hat schon etwas geholfen. Aber es war mir schon klar, dass es eher eine zentrale Lage sein müsste.

Wovon hast du am Anfang gelebt? Man nimmt ja nicht vom ersten Tag an Geld ein.

Ich habe einen kleinen Bankkredit bekommen, den ich aber fast komplett für die Einrichtung ausgegeben habe. Mein Mann hat Geld verdient und wir können beide sehr sparsam leben. Ein bisschen gespart hatte ich auch. Und ich habe auch auf äußerster Sparflamme den Laden eingerichtet. Es sollte schon perfekt sein, ich habe nicht an entscheidenden Dingen gespart, aber eine Freundin hat mal zu mir gesagt: „Fällt dir eigentlich auf, dass du am kreativsten bist, wenn du wenig Geld hast?“ Und das stimmt. Ich versuche dann, viel aus wenig zu machen.

Man kann z.B. für Schmuckvitrinen ein Vermögen ausgeben. Die sind teilweise dann wunderschön, aber das muss nicht immer sein.

Wie lange hast du den Laden?

Jetzt schon vier Jahre.

Gab es in der Zeit besondere Krisen oder Momente, in denen du nicht wusstest, ob du es schaffen wirst?

Vielleicht sogar momentan. Ich habe vor einem Jahr meine Tochter bekommen und habe einfach in dem letzten Jahr nicht durchgehend arbeiten können. Und das merkt man irgendwann dann doch.

Eine Krise will ich es vielleicht nicht nennen, aber ich war weniger für Laufkundschaft da. Die Stammkundschaft ist mir schon treu geblieben.

Geschehen auch Dinge, die dir wieder Mut machen, wenn es gerade etwas schwierig ist?

Ja, das Wichtigste davon liegt jeden Morgen neben mir und strahlt mich an.

Und auch meine Kunden. Ich habe einfach tolle Kunden. Als ich drei Monate Babypause gemacht hatte und danach den ersten Tag wieder in den Laden kam, kam ein junges Pärchen hinein, die wirklich diese drei Monate gewartet haben, weil sie unbedingt bei mir kaufen wollten.

Eine neue Idee oder eine neue Kollektion kann mich sehr beflügeln. Und natürlich, wenn diese dann auch bei den Kunden ankommt.

Würdest du sagen, dass du besondere Kunden hast oder besondere Menschen anziehst?

Schon. Mein Schmuck ist ja auch recht speziell, das macht vielleicht etwas aus. Es ist ein wenig indisch angehaucht.  Es ist kein kleiner Kundenkreis, aber schon speziell.

Was glaubst du, finden die Kunden gerade bei dir?

Ich versuche mit meinem Schmuck auch eine Geschichte mitzugeben. Mir geht es selbst so mit dem Schmuck, den ich für mich kaufe. Ich weiß dann hinterher, das habe ich da und da gekauft und es war die und die Situation und dann erinnere ich mich gerne daran, wenn ich diesen Schmuck trage.

Und das versuche ich meinen Kunden auch mitzugeben. Indem ich zum Beispiel erzähle, das ist eine Murano-Perle und Murano ist eine Insel bei Venedig. Ich erzähle auch, wo die Inspiration herkam - wie ich die Idee hatte. Und das ist dann wie ein kleines Schatzkästchen, das man um den Hals hat, mit einer Geschichte drin.

Diese Art, etwas darüber zu erzählen, ist bei mir zwar ganz automatisch entstanden, weil ich es selber so gerne mag, aber es wird auch erstaunlich gut angenommen. Und der Schmuck wird sehr geliebt.

Das ist ja auch der Unterschied zu den großen Geschäften, die massenproduzierte Ware verkaufen?

Ja, andere Hersteller haben vielleicht große Namen, aber das ist schon was anderes. Bei mir ist alles etwas persönlicher.

Gab es besondere Glücksfälle, etwas, was dir sehr geholfen hat?

Im Nachhinein war der Laden an sich schon ein Glücksfall, die Straße ist ein Glücksfall, die Nachbarschaft ist ganz toll, wir nennen die Kappengasse unter uns die „Kuschelgasse“, weil es hier so gemütlich ist. Im Sommer sitzen wir draußen auf der Straße und trinken gemeinsam einen Kaffee und wir helfen uns auch sehr aus. Aber so etwas weiß man nicht im Voraus.

Wie hast du deine Kunden gefunden oder wie erreichst du sie?

Viel über die Kunsthandwerkermärkte. Da habe ich teilweise Leute kennengelernt, die bis heute meine Stammkunden sind.

Heißt das, die Leute haben sich tatsächlich deinen Namen gemerkt und irgendwann gehört, dass du jetzt auch einen Laden hast?

Genauso. Über meine Facebook-Seite kommt tatsächlich auch einiges. Ich habe über Facebook sogar Schmuck nach Vancouver und Alaska verkauft. Meine Homepage ist auch sehr gut.

Aber meistens, denke ich, geht es eher darüber, dass meine Kunden ihren Schmuck tragen und andere sehen das und fragen, wo der Schmuck her ist.

Also viel Mund-zu-Mund-Propaganda.

Und da sind wir wieder bei dem Persönlichen.

Jetzt bist du aber auch jemand, die gern nach außen geht und mit Leuten redet. Ich weiß rein zufällig, dass Menschen immer noch davon reden, was du für eine nette Kellnerin warst, und das ist nun wirklich lange her, aber du bist nicht vergessen. Und teilweise erzählen die Cafégäste dann, dass sie heute bei dir Schmuck kaufen oder dich weiterempfehlen.

Ich merke das selber nicht so sehr, aber ich liebe Menschen und bin meistens freundlich, und das bekommt man auch zurück.

Hättest du dir auf deinem Weg etwas anders oder mehr gewünscht? Was hätte den Weg leichter gemacht?

Ich glaube, genau diese Hürden machen die Sache machbar. Manche fragen mich, ob es nicht besser gewesen wäre, gleich nach dem Abitur begonnen zu haben oder wenn ich einen Millionär geheiratet hätte…. Aber dann denke ich immer, vielleicht ist es gerade der steinige Weg  - der so steinig nun auch nicht war. Vielleicht macht genau das die Sache so besonders. Dass ich eben nicht Geld unbegrenzt zur Verfügung habe, sondern erst auf Sparflamme arbeite oder ich mir wirklich sagen kann, ich habe das alles allein gemacht, ohne Angestellte und so.

Diese Hürden machen es zu etwas Besonderem und lassen mich spüren, dass ich es wirklich genauso will. Und das Studium war wichtig, um rauszufinden, was ich wirklich will. Diese Zeit hat mir auch eine gewisse Reife gegeben, die man für die Selbständigkeit schon braucht. Ich bin eigentlich etwas dankbar dafür.

Was würdest du anderen raten, die heute mit ihrem Traumprojekt starten? Worauf sollten sie wertlegen oder was sollten sie unbedingt lassen?

Man sollte sich schon sicher sein, dass es kein Hobby ist. Das Hobby zum Beruf machen - das ist nicht so ganz ohne. Denn man muss auch viele Sachen machen, die nicht so Spaß machen. Ich will ganz ehrlich sein, Buchhaltung ist zum Beispiel nicht so meine Sache. Und es gibt auch Phasen, in denen es mir keinen Spaß mehr macht. Wenn ich große Serien für den Weihnachtsmarkt produzieren muss und es schon fast ein bisschen Fließbandarbeit wird. Wenn ich zum 100. Mal den gleichen Anhänger mache und vielleicht eher Lust hätte, was ganz Neues zu produzieren. Das macht dann weniger Spaß. Und wenn es vorher ein Hobby war, da konnte man halt eher machen, was wirklich gerade Spaß gemacht hat.

Wichtig ist auch, dass man sich selber gegenüber auch eine gewisse Zuverlässigkeit haben sollte. Wenn ich einen Laden habe, dann bin ich zu den Öffnungszeiten auch im Laden. Das nehmen manche nicht so ganz ernst.

Gibt es im Rückblick etwas, was du mit dem Wissen von heute anders machen würdest?

Nicht wirklich. Was im Moment alles etwas komplizierter macht, ist meine kleine Tochter, aber diese Tatsache  würde ich natürlich niemals anders machen wollen.

Was ist das Geheimnis deines Erfolgs oder das Herz von dem, was du machst?

Ich versuche, besondere Materialien zu verarbeiten. Ich versuche zum einen den Schmuck bezahlbar zu machen. Dann wird halt mit Silber bearbeitet und nicht mit Gold. Oder ich mache viel mit Perlen oder Papier, aktuell gerade mit indischer Brokatseide, die erschwinglich sind, aber dennoch eine besondere Ausstrahlung haben. Also hochwertige Materialien kombiniert mit meiner Kreativität. Ich hab wenig Schmuck mit Edelsteinen oder Gold.

Ich sage immer, die Leute sollen nicht entscheiden müssen, ob sie sich Schmuck oder Urlaub gönnen, sondern sie sollen mit ihrem Schmuck in Urlaub fahren können.

 

Dieses Interview mit Susanne Detemple fand im Mai 2018 statt - als Teil der Recherche für mein Buch "Projekt Sehnsucht. Ein Mutmachbuch für alle, die von der Selbstständigkeit träumen."

Projekt Sehnsucht - Coverbild

Und manchmal kommt das Leben doch anders… Susanne hat ihren Laden wieder abgegeben, denn mit der Zeit wurde es immer klarer, dass ein Familienleben mit kleinem Kind (und bald zwei!) nicht wirklich kompatibel ist mit den Öffnungszeiten eines eigenen Ladens. Heute ist sie wieder verstärkt auf Märkten und online mit ihrem Schmuckdesign zu finden.

Idee und Design

www.idee-und-form.com

 

 

 

Kategorien: Berufliche Herzensprojekte | Schlagworte:

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