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Aus einer gewagten Vision wird ein erfolgreiches Seminarzentrum in Berlin - Herzensprojekte (16)

18.02.2020

 

Kristina Messerschmidt betreibt seit 1998 das Praxis- und Seminarzentrum „Aquariana“ in Berlin-Kreuzberg. In einem schönen denkmalgeschützten Gebäude im Bergmannkiez befinden sich acht Praxisräume und zwei große Seminarräume. Hier werden unterschiedlichste Therapieformen angeboten - von klassischer Naturheilkunde über Psychotherapie bis hin zu Körper- und Energiearbeit. Auch finden hier Seminare und Vorträge unterschiedlichster Art statt – ab sofort auch meine eigenen Berliner Seminare „Heilsame Berührung“. In diesem Zusammenhang habe ich Kristina Messerschmitt kennengelernt und war gleich sehr angetan von der Atmosphäre und dem Angebot in der „Aquariana“.

In einem Gespräch erzählt Kristina mehr über dieses spannende Projekt und wie alles entstanden ist:

Ursprünglich habe ich selbst eine Praxis für therapeutische Einzelarbeit gehabt, dazu Meditations- und Astrologiegruppen geleitet. Damals gehörte ich zu einer spirituellen Gruppe nach Lehren von Alice Bailey, und wir arbeiteten mit unserem Lehrer innerlich daran, ein esoterisches Zentrum zu eröffnen.

1985 schon hatte ich zum ersten Mal die Findhorn Community in Schottland besucht, eine große spirituelle Gemeinschaft. Es war eine richtige Offenbarung für mich zu sehen, wie Zusammenleben funktionieren kann, wenn Individuum und Gemeinschaft sich aufeinander einstimmen und eigene Bedürfnisse und größere Aufgaben in Übereinstimmung gebracht werden. Ob es nun um das Kochen des Mittagessens ging oder um die Gestaltung der großen Gemeinschaft: “Work is love in action” war das Motto, Vertrauen in das Göttliche und das Leben die Basis.

Um mich auf unser esoterisches Zentrum vorzubereiten, wollte ich mit einigen Kollegen eine Gemeinschaftspraxis gründen. Ein Jahr lang kamen eine Menge interessierter Leute zusammen, aber sobald es um die konkrete Verantwortung und um Mietkosten ging, sind alle wieder abgesprungen. Irgendwann war klar, dass etwas nicht stimmte und ich meinen Plan loslassen müsste. In einer Meditation wurde deutlich, dass ich, wenn ich wirklich auf meine innere Seele vertraute, ich auch ein Risiko eingehen müsste: Ich würde alles allein starten, es sollte größer als eine Praxisgemeinschaft sein, mit Seminarräumen, einem Meditationsraum und einer Bibliothek. Ich wollte beweisen, dass ich vertraue und nicht auf äußere Sicherheiten schaue.

Dann ging alles ganz schnell: Wenige Tage später rief eine Freundin an und erzählte von Leuten, die mit ihrer Firma in eine Fabriketage ziehen wollten und dass da noch weitere Etagen frei seien. Sie wären für mich wahrscheinlich zu groß – und ich sagte, 450 qm, eine gute Größe!

Ich wusste gleich bei der ersten Besichtigung, dass es der richtige Ort ist, und habe einen Mietvertrag unterschrieben über eine monatliche Miete von 10.000 DM, was für mich viel Geld war. Ich fand es aber okay, war voller Vertrauen, habe sofort etliche der “alten” Interessierten angeschrieben oder auch Kolleginnen zufällig auf der Straße getroffen und erzählt, dass sie sich jetzt hier einmieten könnten. Und tatsächlich war dieses Modell für die Leute viel überschaubarer. So hatten die Einzelnen nicht ganz so viel Verantwortung, sie konnten sich Räume teilen und es war eine Person da, die sich um alles kümmerte.

Am 1.1.1998 ging es los: Wir waren zwölf Leute, die alle sehr engagiert waren. Doch lief es nicht so, wie ich es mit vorgestellt hatte: Ich hätte gerne ein gemeinsames geistiges Zentrum gehabt mit Meditationen, Aufbau von Heilenergie und Anziehungskraft. Doch auch die anderen hatten eigene Vorstellungen …. Wir haben unwahrscheinlich viel diskutiert, an uns und an den Gemeinschaftsstrukturen gearbeitet, wöchentliches Plenum, zweimal jährlich eine Klausurtagung, Supervision – es war ein irrer Aufwand. Und es gab ein strukturelles Problem: Ich hatte als einzige den Mietvertrag und hatte mich immer für fünf Jahre rechtlich gebunden, während alle anderen nach drei Monaten ohne weitere Kosten und Verpflichtungen gehen konnten. Wir haben zwar verschiedene Modelle geprüft, aber letztlich stimmte es von Anfang an nicht.

Nach fünf Jahren war es überdeutlich: Wer Entscheidungen treffen will, muss auch Verantwortung übernehmen. So haben wir schließlich alle gemeinschaftlichen Strukturen aufgelöst. Parallel dazu hatte ich eine ganz persönliche Krise, meine Beziehung ist auseinandergebrochen, meine Praxis ist zusammengebrochen, meine Kurse liefen nicht mehr. Ich habe an all meinen Qualifikationen und meinem geistigen Weg gezweifelt und wusste doch, dass das alles tief mit mir zu tun hatte. So bin ich in die Mühen der Ebene hinabgestiegen: Psychotherapie und Psychoanalyse. Ich wollte wissen, was mit mir los ist und was ich für Illusionen gehabt hatte. Ich habe viel herausgefunden, viel bearbeitet und bin dabei gut auf die Füße gefallen. U.a. musste ich erkennen, dass KollegInnen in mir eine Mutter gesehen haben, auch wenn ich zunächst glaubte, mit einer Mutterrolle nichts am Hut zu haben. Und doch habe ich im Aquariana bestimmte Familienstrukturen wiederholt. Usw. usw.

In all dem Chaos entwickelte sich auch noch eine neue Liebesbeziehung, und zwar zu einer sehr handfesten Frau, die u.a. die einfachen und klaren Worte sprach: „Du musst Geld verdienen.“ Das bedeutete, weitere hehre Vorstellungen über den Haufen zu werfen: ganz allein zu entscheiden, Mieten zu erhöhen (ich wollte vorher nichts an der Vermietung verdienen), Räume auch nur stunden- oder halbtageweise zu vermieten, mehr KollegInnen aufzunehmen. So kam mehr Geld in die Kasse.

Es entstand also ein ganz neues Konzept, was zu einer neuen Rolle für mich führte. Denn jetzt musste ich erkennen, dass ich eine Unternehmerin war, die nicht mit einem eigenen Therapieangebot, sondern mit der Vermietung von Räumen Geld verdient. Das war schon ein großer Schritt für mich, mit dem ich erst etwas gehadert habe.

Aber: Ich habe allmählich entdeckt, dass ich diese Büro- und Verwaltungsarbeit richtig gerne und gut mache. Ich merkte, dass ich viel von dem gebrauchen konnte, was ich sonst noch in meinem Leben gemacht hatte: In meinen vielen Bürojobs während meines Studiums hatte ich gelernt, wie Büros zu organisieren sind.

Insgesamt war es in dieser Phase eine große Erleichterung zu erkennen, dass ich nun alles neu und allein gestalten konnte. Ich hatte immer gedacht, alles miteinander diskutieren zu müssen. Aber das muss man nicht. Es ist mein Unternehmen und wer nicht mit den Gegebenheiten hier einverstanden ist, kann woanders hingehen. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn es für jemanden hier nicht passt. Vielleicht ist es woanders billiger oder es gibt sonstwie passendere Bedingungen. Ich kann mittlerweile sehr gut dazu stehen, mehr noch: Meine eigenen Bedingungen und Strukturen zu schaffen und sie auch transparent zu machen, ist die Voraussetzung dafür, dass es gut läuft.

Wie war der Moment, als du verstanden hast, dass du jetzt Unternehmerin geworden bist?

Das war der Moment, als ich verstanden habe, dass ich Geld verdienen muss. Und dann hat sich das sehr gut angefühlt.

Ich habe immer wieder junge TherapeutInnen hier, die sich leider kaum “verkaufen” können, die zu wenig unternehmerisch denken können. Es fängt oft damit an, dass sie nicht gut beschreiben können, was sie eigentlich in ihrer Arbeit tun, so dass sie es auch nicht an andere vermitteln können. Es kommt weniger auf die Ausbildungen an oder sonstige Qualifikationen, sie bilden nur den Hintergrund. Die große Frage aber ist, was mache ich eigentlich, was bewirke ich tatsächlich bei anderen?

Gab es besondere Hürden in deinem Unternehmertum?

Zum Beispiel hatte ich immer Bedenken bei Mieterhöhungen, da kamen alte Ängste hoch. Innere Hürden also, an denen ich dann arbeiten musste und muss.

Ich lasse mich auch regelmäßig coachen und bin so froh um die Klarheit, die ich dadurch gewinne. Sonst würde ich viel länger in meiner eigenen Suppe rumrühren und nicht wirklich weiterkommen. Und manchmal denk ich sogar, dass Menschen wie wir, die viel mit anderen Menschen zu tun haben, vielleicht sogar dazu verpflichtet sind, solche Klärungstermine für sich selber in Anspruch zu nehmen. Damit andere Leute nicht ausbaden müssen, was eigentlich ein Problem mit uns selbst ist.

In therapeutischen Berufen ist eine Supervision ja oft Pflicht, aber auch in unternehmerischen Berufen ist es absolut empfehlenswert. Ein bisschen Psychohygiene und ein anderer Blick auf die Dinge muss einfach sein.

Wie viele Menschen arbeiten heute hier?

50 Leute ungefähr. Manche nur mit wenigen Stunden, andere richtig viel.

Die Vermietung der Veranstaltungsräume hat ein wenig Anlauf gebraucht. Am Anfang war ich froh, wenn es halbwegs kostendeckend lief. Mit der Zeit habe ich mich aber gut dahintergeklemmt, um das Aquariana wirklich bekannt zu machen.

Hättest du dir auf deinem Weg etwas gewünscht, was es dir leichter gemacht hätte?

Ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn Menschen mir etwas früher gesagt hätten, dass es nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber wahrscheinlich hätte ich nicht darauf gehört. Erfahrungen muss man einfach selbst machen …

Seit wann lebst du wirklich von den Einnahmen aus diesem Zentrum und nicht von deiner Praxis?

Seit 2006. Es gab zuerst zwei sehr schlechte Jahre, aber ab da lief es immer besser.

Gab es auch Zeiten, in denen du richtig Angst hattest, es nicht finanzieren zu können?

Es gab schon Monate, in denen ich so wenig Geld hatte wie noch nie. Und da war ich froh um eine kleine private Reserve, die mir wenigstens etwas Spielraum ermöglicht hat.

Als mir dann mal auf Nachfrage mein Vermieter sagte, dass er mich keinesfalls früher aus dem Mietvertrag entlassen würde, wusste ich, dass ich weitermachen musste. Und irgendwie ging es dann auch immer weiter.

Wie behältst du deine Ausdauer? Es gibt ja auch einfach lange Tage, etwas Langeweile und Dinge, die nicht gut laufen?

Um ganz ehrlich zu sein, ich mache wirklich gern Geschäfte, kleine und größere, ich gewinne gern neue Kunden. Nicht nur um Geld zu verdienen, sondern auch um neue Begegnungen zu haben – so wie jetzt auch mit dir. Jemanden zu treffen, der mich bereichert, besondere Persönlichkeiten. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß.

Und es gibt etliche alteingesessene Mieter, da ist alles ganz eingespielt, das sind schöne, lange Beziehungen und es macht natürlich vieles leichter.

Hast du einen Rat für andere?

Ich mag Ratschläge nicht so gern. Aber vielleicht ein gutes Konzept auf allen Ebenen zu entwickeln – innerlich und äußerlich. Gern äußerlich anfangen mit Fragen wie: „Wie viel Geld brauche ich und wie viele Klienten müssen dann kommen?“ Und wenn man dann merkt, dass man Angst vor diesem Schritt hat, dann ist man wieder bei der eigenen Persönlichkeit und kann daran arbeiten.

Wichtig ist auch zu erkennen, was man nicht selber machen kann. Worin man einfach nicht gut ist und was man auch nicht lernen möchte. Und diese Sachen dann abgeben.

Es gibt auch einige persönliche Strukturen, die man nicht wird lösen können. Und das ist in Ordnung so. Aber man muss darum wissen und Hilfe holen.

Was ist das „Herz“ in deinem Projekt?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber wenn du schon so fragst, glaube ich tatsächlich, dass ich hier das Herz bin. Denn das Herz ist ja das Organ, wo alles durchfließt und gefiltert wird und dann wäre ich hier tatsächlich doch so etwas wie das Herz.

Es hängt hier alles sehr an meiner Person und wie ich die Dinge anpacke, ich könnte hier nicht so einfach ersetzt werden. Langfristig möchte ich aber gern eine solche Person finden, die das Aquariana mal übernehmen kann. Jemand anders würde bestimmt ein etwas anderes Konzept entwickeln und umsetzen. Das wäre auch o. k.

Es ist ja oft so, dass Projekte aus dem Pulsieren eines Herzens einer einzigen Person leben, und diese lässt sich dann nicht so einfach ersetzen.

Ich glaube, du hast recht, auch wenn ich diese Aussage früher abgelehnt hätte. Ich hätte dann eher gesagt, dass ich als Person nicht wichtig bin, sondern nur die Idee ist wichtig, das Zentrum ist wichtig, die Heilenergie, den Menschen etwas Gutes tun. Natürlich ist an diesen Gedanken auch was dran, doch braucht es schon konkrete Menschen, die diese Energie aufnehmen und in die Tat umsetzen.

Machst du dir Gedanken, wie lange du mit dieser Arbeit weitermachen möchtest?

Zehn Jahre bestimmt. Denn sie macht einfach so viel Freude. Es ist schön zu sehen, wie Menschen hier mit ihrer Arbeit Erfolg haben, und ich unterstütze sie auch gern, wo ich nur kann.

Es tut mir wirklich leid zu sehen, dass Menschen, die gute Arbeit leisten, es nicht fertig bringen in das Unternehmerische zu gehen. Viele halten nicht durch, und ich wünsche mir dann, dass sie Hilfe in Anspruch nehmen, um z.B. Unterstützung im Marketing zu bekommen oder um sich eigene Themen im Coaching anzuschauen.

Möchtest du noch irgendetwas hinzufügen, worüber wir nicht gesprochen haben?

Ich habe hier drei Sprüche an der Wand hängen. Der ältestes stammt aus meiner Krisenzeit und ist von Goethe: “Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz. Alle Leiden, die unendlichen, alle Freuden, die unendlichen, ganz.” Sehr wahr, sehr hilfreich, sehr zu mir selbst führend.

Dann kam „Take your pleasures seriously“ von Charles Eames, der vor 100 Jahren tolle und freche Möbel entwickelt hat. Mach das, was du liebst, was dir wirklich Spaß macht. Dabei fleißig sein und die Sache ernst nehmen. Dann lohnt es sich!

Und ein Spruch soll mich daran erinnern, nicht über andere richten zu richten. Er stammt aus einem Krimi von Agatha Christie, “What a lot of funny people it does take to make a world”. Menschen sind merkwürdig und widersprüchlich, ich selbst auch, und es ist ganz gut, das zu akzeptieren.

 

Mehr Infos über die Aquariana und das Seminarangebot: www.aquariana.de

Meine kommenden Seminare in der Aquariana sind:

26.-27. September 2020 - "Wesensberührung" - Heilsame Berührung für Fortgeschrittene

28.-29. November 2020 - Einführung in Heilsame Berührung

Wer schreibt hier?

Ich bin Vera Bartholomay - Autorin, Seminarleiterin und Therapeutin mit Themen wie „Ganzheitliche Körperarbeit“ und „Begleitung von Menschen in ein erfülltes privates und berufliches Leben“. Ich unterrichte an vielen Standorten in Deutschland, Norwegen, Italien und der Schweiz. Meine Bücher sind: „Projekt Sehnsucht. Ein Mutmachbuch für alle, die von der Selbstständigkeit träumen“ und „Heilsame Berührung – Therapeutic Touch“.

www.vera-bartholomay.com

 

 

Kategorien: Berufliche Herzensprojekte | Schlagworte: Herzensprojekt, Menschen, Seminare, Spiritualität, Vision

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