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Werden wir den Winter überleben?

26.10.2022

Ganz laut in mir hörte ich diesen Satz. „Werden wir den Winter überleben?“

Vor vielen Jahren war ich Teilnehmerin in einem Seminar. Wir haben eine Übung gemacht, in der wir tief in uns nach Sätzen und Prägungen unserer Ahnen horchen sollten. Botschaften, die immer noch in uns wirksam sein könnten. In der Wissenschaft nennt man so etwas Epigenetik. Denn schon längst weiß man, wie sehr die Erlebnisse und Erfahrungen der Ahnen eine Wirkung auf die weiteren Generationen haben, auch wenn man diese fernen Verwandten nie persönlich kennengelernt hat oder ihre Geschichten gar nicht weitererzählt wurden.

In meinem Fall kam nicht nur dieser Satz aus der Tiefe hoch. Ich sah auch die sprechende Frau vor meinem inneren Auge. Schwarz gekleidet, wie es vor ein- oder zweihundert Jahren üblich war – mit einem Gesicht, das viel Leid kennengelernt hatte.

Dieses Erlebnis ließ mich danach nicht in Ruhe und ich fragte meine Großfamilie, ob jemand etwas über besondere Notlagen der Vorfahren wusste, ob etwas über das übliche harte Leben der Generationen vor uns hinaus geschehen war. Oder ob jemand gar etwas von einer besonderen Frau wusste. Aber ohne Ergebnis. Selbst war ich nie bedroht von Hunger, Kälte oder was auch immer mein Leben in einem langen Winter infrage gestellt haben könnte. Vorher kam also dieser Satz?

Es vergingen Jahre bis ein wunderbarer Zufall die Aufklärung brachte. Eine Historikerin, die auch eine ferne Verwandte ist, hat das Leben auf einer kleinen norwegischen Insel zu ihrem Forschungsobjekt gemacht. Von dieser kleinen Insel stammte meine Urfamilie mütterlicherseits, von der ich fast gar nichts wusste. Diese Historikerin lud uns ein, mit ihr zu dieser Insel zu fahren, damit sie uns vor Ort von ihren Forschungsergebnissen berichten konnte. Und siehe da, dort war sie, die Frau, die mir diesen Satz zugerufen hatte. In alten Dokumenten befand sich ihre Geschichte.

Gelebt hat sie vor ungefähr 180 Jahren auf dieser rauen Insel vor der norwegischen Küste. Ihr Mann war Seemann, wie so viele dort. Sie hatte bereits sieben Kinder und war schwanger mit dem achten Kind, als der Mann an einer schweren Krankheit starb. Plötzlich war sie allein mit der Verantwortung für acht Kinder. Soziale Unterstützung gab es kaum. Auf der kargen Insel war es außerdem kaum möglich, Landwirtschaft zu betreiben. Wie also überleben?

Denn aufgeben war wohl keine Option für sie. Allein schon für ihre Kinder musste sie weitermachen und irgendwie überleben.

Was hat sie also getan? Sie hat es in einer damals streng religiösen und moralisch kontrollierenden Gesellschaft gewagt, in ihrem eigenen Wohnzimmer eine Kneipe aufzumachen. Dort wurden Tanzveranstaltungen angeboten und Bier ausgeschenkt. So ist es in den Dokumenten von damals schriftlich festgehalten. Kundschaft gab es genug, denn die Segelschiffe, die in der nahegelegenen Stadt ihre Last abgeliefert hatten und jetzt auf neue Last warteten, legten gern für einige Zeit an dieser kleinen Insel an. Die Seeleute waren gierig auf Unterhaltung und Abwechslung. Meine Ahnin hat es in ihrer Not in Kauf genommen, geächtet und ausgegrenzt zu werde. Nun ja, das ist eine ganz andere Geschichte, die ich vielleicht ein andermal mit euch teile. Aber ihre acht Kinder haben überlebt und sie selbst hat ein hohes Alter erreicht.

Ihre Sorge aber hat sich tief in meine Gene hineingegraben. Wie oft taucht sie auch für mich auf, sobald es um Zukunft und Sicherheit geht, sobald irgendetwas in meinem Leben wackelt. Dann versuche ich mir klar zu machen, dass die Verhältnisse heute bei weitem nicht so schlimm sind wie für sie damals.

Wir tragen wohl alle solche oder ähnliche Sätze in uns von früheren Generationen. Und vielleicht hilft es uns allen, wenn wir ihren Weg, ihr Überleben heute besonders würdigen. Sie waren zäh und erfinderisch. Heute sind wir dran. Und dabei leben wir trotz aller Unsicherheit in einer so privilegierten Zeit. Also schauen wir auf das, was uns möglich ist, was wir tun können.

Was unsere Ahnen uns heute wohl sagen würden?

Wer schreibt hier?

Ich bin Vera Bartholomay - Autorin, Seminarleiterin und Therapeutin mit Themen wie persönliche Entwicklung und ganzheitliche Körperarbeit. Ich unterrichte an vielen Orten in Deutschland, Norwegen und in der Schweiz. Meine Bücher sind: „Heilsame Berührung – Therapeutic Touch“, „Projekt Sehnsucht. Ein Mutmachbuch für alle, die von der Selbstständigkeit träumen“ und ganz aktuell „Herzen berühren – Sehnsucht nach tiefen Begegnungen“.

www.vera-bartholomay.com

https://www.vera-bartholomay.com/herzen-beruehren

Kategorien: Lebensfragen | Schlagworte: Lebensfragen, Mut, Norwegen, Vergangenheit

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Kommentare

Helga Fischer von http://www.einfach-erfuellter-leben.de sagt:

27.10.2022 um 18:48 Uhr

Vielen Dank, liebe Vera, für diesen Beitrag.
Der Gedanke kam mir auch schon oft, dass da etwas von Vorfahren vererbt sein müsste, wenn man starr und panisch auf Situationen reagiert, die an sich noch lange nicht lebensbedrohlich sind. Ein sehr spannendes Thema!
Herzlichst, Helga

Antworten

Vera Bartholomay sagt:

28.10.2022 um 09:21 Uhr

Liebe Helga, ja, mit Sicherheit ist es so. Zumindest liefert die Epigenetik dafür eindrucksvolle Belege. Und spannend ist es! Herzlichst, Vera

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