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Eine Oase in der Stadt - Herzensprojekte (14)

14.05.2019

Moccachili

In Saarbrücken gibt es ein beliebtes Café - etwas versteckt in der Nähe des Marktplatzes. Seit Jahren bin ich immer wieder dort und habe mich oft gefragt, was hier anders gemacht wird und warum ich mich hier so viel wohler fühle als in den meisten anderen Cafés. Für mein Buch „Projekt Sehnsucht“ habe ich deshalb das Gespräch mit der Inhaberin, Dorothe Schindler, gesucht.

 

Wie kamst du auf die Idee, ein Café aufzumachen?

Ich hatte viele Jahre einen Bioladen zusammen mit einigen Frauen. Früher war ich privat viel am Bodensee und da gibt es ganz viele Bio-Cafés. So hatte ich irgendwann die Idee, auch hier in Saarbrücken so etwas zu gründen. Aber damals hatte ich noch Kinder in der Schule und Familienpflichten, so dass es erstmal bei der Idee blieb. Nach meiner Zeit im Bioladen habe ich fünf Jahre in einer sozialtherapeutischen Einrichtung gearbeitet, war aber nicht so ganz froh damit. Damals dachte ich, vielleicht kommt ja doch noch mein Café. In dieser Einrichtung hatte ich auch viel im hauswirtschaftlichen Bereich gearbeitet und habe gemerkt, dass es mir gut gefällt und dass ich ein Händchen dafür habe. Als ich dann diese Stelle gekündigt hatte, war zufällig dieser Laden hier frei. Ich habe mir gesagt: „Wenn nicht jetzt, wann mache ich es dann?“ Das war vor 10 Jahren, ich war schon fast 54 Jahre alt und hatte so sehr das Bedürfnis, etwas zu tun, was mich erfüllt.

Schritt für Schritt bin ich dann die ganzen bürokratischen Wege gegangen. Meine Kinder haben mich sehr unterstützt und auch im Freundeskreis haben mich alle ermutigt. Sie hatten alle das Gefühl, dass es einfach passt. Ich wollte auch erstmal ganz klein, mit wenig Geld anfangen. Und ich habe sogar überraschenderweise einen kleinen Kredit bekommen. Existenzgründerdarlehen sind leider normalerweise nicht möglich für die Gastronomie, weil sich einfach viel zu viele in diese Branche hineinbegeben. Aber die Sachbearbeiterin fand meine Idee unterstützenswert. Das war dann endgültig mein Startschuss, denn einige Investitionen muss man ja schon tätigen und ich hatte damals nichts auf der hohen Kante. Wir haben sehr viel selbst gemacht - so wie es jetzt hier aussieht, haben wir eigentlich alles mit Freunden und Familie gestaltet. Das war eine superschöne Zeit.

Als Gast habe ich mich schon länger gefragt, was macht diese Frau anders in diesem Café? Sie hat auf jeden Fall ein Händchen für Mitarbeiter, denn sie sind immer freundlich und sehr aufmerksam auf eine unauffällige und unaufdringliche Art. Man fühlt sich immer willkommen. Niemand ist ungeduldig, auch nicht wenn man manchmal hier stundenlang bei einer Tasse Kaffee sitzen bleibt.

Mein Augenmerk richtet sich nicht nur auf den Gewinn. Mit dem Herzen dabei sein, ist für mich ganz wichtig und das Gleiche gilt für meine Mitarbeiter.

Ich muss mir keine Mitarbeiter suchen, sie kommen einfach. Ich gehe sehr nach meinem Bauchgefühl, ob sie hier auch reinpassen werden. Und wenn es dann irgendwann nicht mehr in ihren Lebensplan passt und einer geht, dann kommt gleich der Nächste, das hat sich wirklich immer wunderbar gefügt. Ich bekomme fast Gänsehaut, wenn ich das erzähle, aber es geschieht ganz viel fast von allein.

Mein Bemühen ist aber auch, dass wir das immer zusammen gestalten. Es gelingt nicht immer, aber meistens. Ich will so wenig wie möglich als Chefin von oben leiten.

Wie hast du es denn geschafft, dass das Café bekannt wurde – denn Laufkundschaft hast du in dieser versteckten Ecke ja nicht unbedingt?

Wir haben sehr wenig Werbung gemacht. Die Regel sagt, wenn man zwei Jahre durchgehalten hat, dann hat man sich etabliert und dann wissen die Leute, wo man zu finden ist. Aber die zwei ersten Jahre waren hart, erst danach haben wir etwas mehr Geld eingenommen. Wir haben vor allem auf Mund-zu-Mund-Propaganda vertraut. Ich habe sehr viele Leute in der Bio-Branche gekannt, hatte auch öfter einen Stand auf Biohoffesten und viel Kontakt zu den Bioläden. Ich war nicht so ganz unbekannt.

Das Stichwort wäre dann Netzwerken in den unterschiedlichsten Bereichen?

Ja, auf jeden Fall. Und heute kann ich von dem Café leben, nicht sonderlich luxuriös, aber ich lebe bescheiden.

Es gehört offenbar zu den meisten Herzensprojekten, dass man nicht unbedingt reich wird, aber im besten Fall irgendwann halbwegs stabil davon leben kann.

Die Behörden und die IHK haben mir sogar alle von diesem Platz hier abgeraten. Damals waren alle der Meinung, das Zentrum der Stadt würde sich gerade zum anderen Ende der Fußgängerzone hin verlagern. Aber nach zwei Jahren ist es klar, dass gerade der Platz hier ein Ruheplatz ist, und viele Gäste sagen, sie haben hier am Brunnen im Sommer schon ein kleines Urlaubsgefühl.

Dabei war der Brunnen vor unserem Café früher ein Treffpunkt für Obdachlose. Viele Saarbrücker haben diese Ecke gemieden, weil sie sich da belästigt gefühlt haben. Alles war ein bisschen runtergekommen. Am Anfang haben die Obdachlosen mit ihren Hunden unsere Gäste etwas belästigt, das war nicht schön. Das hat sich dann Gott sei Dank geändert, sie haben sich hier nicht mehr wohlgefühlt und sich langsam zurückgezogen.

Das war aber ganz schön mutig, gerade dieses Lokal anzumieten in einer solchen Umgebung?

Ja, aber ich habe in meinem Leben häufiger etwas angefangen, von dem ich nicht wusste, wie es weitergehen wird. Und es war immer richtig. Das hat mich bestärkt.

Meinen jungen Mitarbeitern sage ich immer, ihr müsst Dinge in eurem Leben ausprobieren, auch wenn ihr keinerlei Sicherheiten habt. Wenn ihr es nicht ausprobiert, werdet ihr nie wissen, ob es etwas hätte werden können.

Als ich selbst ganz am Anfang noch gezögert habe, so ins Ungewisse zu gehen, hat mir ein junger Mann gesagt: „Überleg dir mal, was dir im schlimmsten Fall passieren könnte. Vielleicht gehst du mit 6-7000 € Schulden raus. Etwas Schlimmeres passiert dir wahrscheinlich nicht.“ Das hat mir sehr geholfen, mir wirklich klarzumachen, was mir passieren kann. Wir machen uns solche Sorgen und Gedanken. Aber in Wirklichkeit sind die Gefahren in der Regel sehr überschaubar.

Bisher ist es auch eine wirklich ganz tolle Zeit gewesen mit guten Erfahrungen - auch mit meinen Mitarbeitern, mit diesen ganzen jungen Menschen. Es sind fast nur Studenten, die sich sehr für die biologische Ernährung interessieren und die immer mehr wissen wollen. Das finde ich einfach toll. Und ich gebe auch gerne mein Wissen weiter, wenn sich jemand dafür interessiert. Mittlerweile sind es phasenweise bis zu 12 Mitarbeiter.

Was war deine ursprüngliche Vision oder Traum? Es geht ja dabei oft um mehr als ein Café?

Es ging mir auf jeden Fall um ein gutes Miteinander. Ich könnte auch in einer sozialen Einrichtung arbeiten, aber da gibt es viele Grenzen für das, was man tun kann. Ich habe die Dinge gern selber in der Hand. Es muss sich für mich richtig anfühlen.

Auch in dem Bioladen, den ich vorher gemacht habe, war es so. Das war eine superschöne Zeit, aber sie ging irgendwann zu Ende, weil die persönlichen Pläne sich verändert hatten. Das ist dann auseinandergeflossen.

Welche Ausbildung hast du?

Ich bin eigentlich pharmazeutisch-technische Assistentin, habe aber nur für eine relativ kurze Zeit in einer Apotheke gearbeitet und dann im Krankenhaus eine Schwesternlehre gemacht. Dann kam die Familienzeit - ich habe drei Kinder - und dann der Bioladen. Das passte gut zu meinem Interesse für Ernährung und biologische Produkte – und das kam wiederum durch die Kinder.

Du hast keine besondere ernährungsspezifische oder wirtschaftliche Ausbildung und dennoch war ein solches Projekt möglich?

Wenn man Interesse für etwas hat, muss man sich auf unterschiedlichster Art weiterbilden und es ausprobieren. Und dann auch tun. Einfach tun – das ist das Entscheidende.

Was sagen eure Gäste, warum kommen sie hierhin?

Viele sagen einfach, es schmeckt wie zu Hause. Was auch immer sie damit verbinden. Und man spürt doch einfach, dass alles mit Liebe zubereitet ist. Und nicht nur ich, auch die Menschen, die bei mir in der Küche arbeiten, machen das wirklich gerne. Und das macht viel aus.

Es kommen nicht nur Menschen, die biologische Produkte haben wollen, sondern die einfach sagen, es schmeckt sehr gut, es schmeckt selbstgebacken.

Was bekommt ihr denn von den Gästen? Abgesehen von Geld…

Es kommt natürlich immer mehr zurück als Geld. Ich hab mich früher viel mit dem Thema Geld beschäftigt und Arbeit ist ja eigentlich unbezahlbar. Es geht beim Arbeiten nicht darum, dass man dafür Geld kriegt, obwohl man natürlich Geld verdienen muss. Arbeit und Geld sind zwei Dinge. In unserer Gesellschaft ist es aber verknüpft. Wenn jeder seine Arbeit aus sich heraus machen würde und er hätte aber Geld - wie das Grundeinkommen - dann wäre vieles anders.

Ich glaube, die Leute spüren, dass sie hier ein bisschen mehr bekommen. Inzwischen haben wir viele Stammgäste und sie sagen uns oft, wir sollten hier bitte gar nichts ändern, sondern so bleiben, wie wir sind. Das tut schon gut, so etwas zu hören.

Gab es in diesen Jahren besondere Krisen?

Ja, schon. Ich habe am Anfang einfach viel zu viel gearbeitet, bis bestimmte Arbeitsabläufe und gewisse Strukturen festgelegt waren. Aber das war für mich ja auch Neuland. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich damals in der Woche gearbeitet habe - ich war manchmal schon recht erschöpft.

Irgendwann habe ich aber gemerkt, die Arbeit ist nicht alles, ich muss auch ein Privatleben haben. Heute arbeite ich immer noch etwas zu viel, aber ich schaffe mir Freiräume. Ich bin allerdings immer noch 5-6 Tage der Woche hier im Café.

Also schon einiges mehr als ein normaler Arbeitnehmer?

Auf jeden Fall. Die Stunden werden nicht gezählt. Aber ich bemühe mich, weniger zu machen. Denn sonst habe ich keine Kraft übrig für etwas anderes. Und auch wenn ich es gerne mache, ist das schon wichtig.

Siehst du frühere Hürden und fragst du dich aus heutiger Sicht, warum du dich damit so schwergetan hast?

Ich kann schlecht streng sein mit Mitarbeitern und musste mich schon mit dem Thema „Grenzen setzen“ auseinandersetzen. Und da gab es schon Situationen, wo es bestimmt besser gewesen wäre, ich hätte früher deutlich Bescheid gesagt.

Also muss man Dinge lernen, die man nicht so gut kann? Auch an der persönlichen Entwicklung arbeiten?

Ja, das bleibt nicht aus.

Wie hast du deine Ausdauer beibehalten? So viele Arbeitsstunden in der Woche über so viele Jahre…..

Ich habe eine Kraft in mir und die bekomme ich irgendwoher geschenkt. Ich kann das nicht erklären, und es berührt mich, darüber zu sprechen. Ich habe einfach das Gefühl, dass es eine solche Kraft gibt.

Das höre ich wirklich von vielen und finde das so spannend, dass in dem Moment, wo man das tut, was man eigentlich tun soll und was vielleicht sogar die eigene Bestimmung ist, sich tatsächlich etwas von außen öffnet, dass sich etwas fügt und dass man dann auch die Kraft hat  durchzuhalten.

Heißt das, deine Arbeit ergibt für dich einfach auch Sinn und nicht nur praktischen Sinn, sondern auch Sinnhaftigkeit im höheren Sinne?

Ja, da bin ich ganz sicher.

Was würdest du anderen raten, die heute ein Herzensprojekt starten wollen?

Sie sollen ihrem Inneren folgen. Das wahrnehmen, was aus uns heraus will. Und es ernst nehmen, es kommt ja nicht von ungefähr. Es sind die wenigsten, die ganz blauäugig etwas anfangen. Es entsteht etwas und es wächst langsam in uns. Meinen Traum vom Café hatte ich ja schon 20 Jahre vorher.

Wenn du eine Idee hast, die du wirklich gut findest, solltest du dich nicht entmutigen lassen, sondern sie zu deinem Leitbild werden lassen. Und wenn es deins ist, dann bleibst du auch dabei.

Wo siehst du denn Gefahren? Wo sollte man gut aufpassen?

Man soll schon gucken, wieviel man bereit ist zu geben. Das ist schon wichtig. Denn es ist hier irgendwo mein Leben geworden. Natürlich nicht nur, es ist aber sehr viel mehr geworden als eine Arbeitsstelle. Man kann so etwas nicht einfach nebenher betreiben.

Und was vielleicht auch wichtig ist, dass man etwas über eine gewisse Zeit entstehen lässt. Das, was hier gestaltet wurde, hat sich über Monate hin entwickelt. Es hat niemand einen Plan gemacht, wie es auszusehen hat, und das ist für mich ein sehr gesundes Gefühl. Es darf nichts Rigides sein. Es entsteht erst mit der Zeit, was wirklich zu mir und zu dem Raum passt. Ich weiß nicht, ob das jeder so empfindet, aber es ist toll, wenn man das Gefühl hat – so, jetzt stimmt es, jetzt fühlt es sich gut an.

Nimmst du dir das bewusst vor, regelmäßig neu zu überprüfen, ob alles noch stimmt, oder ist es ein kontinuierlicher Fluss?

Das ist eine gute Frage. Im Moment überlege ich tatsächlich gerade so bisschen neu. Jetzt bin ich Mitte 60 und kann mir noch nicht vorstellen, hier wegzugehen, aber irgendwann wird es so sein. Jetzt gilt es vielleicht, ganz langsam etwas Neues zu entwickeln und ein paar Dinge zu verändern. Das habe ich seit einigen Jahren nicht in dieser Art gemacht. Es war immer im Fluss.

Hättest du früher etwas anders gemacht, wenn du gewusst hättest, wo du heute stehst?

Ich glaube nicht. Höchstens hätte ich gewünscht, selbstbewusster gewesen zu sein. Dann wäre einiges leichter gewesen. Ganz am Anfang gab es Gäste, die den Kuchen zu teuer fanden. Und dann habe ich mir klargemacht, dass ein solcher Preis sein muss für die Qualität, und als es für mich klar war, es ist alles in Ordnung so, dann haben die Leute auch nicht mehr über den Preis diskutiert.

Worauf freust du dich, wenn du morgens aufstehst und die Arbeit wartet?

Auf alles! Auf die Mitarbeiter. Darauf, dass was Leckeres entsteht mit wirklich guten Lebensmitteln und dass ich sie verarbeiten darf. Es gehört alles zusammen. Ich freue mich auch auf die Gäste, die kommen und die das alles wertschätzen. Dieses Zusammenspiel macht alles aus.

Für mich war dieses Gespräch jetzt auch schön -  eine gute Gelegenheit, mir Gedanken machen zu dürfen, was gerade ist. Allein schon das Bewusstsein und  die Klarheit darüber können viel verändern.

http://moccachili.blogspot.de/

Dieses Gespräch fand statt bei der Recherche für mein aktuelles Buch "Projekt Sehnsucht. Ein Mutmachbuch für alle, die von der Selbstständigkeit träumen."

Projekt Sehnsucht - Coverbild

www.vera-bartholomay.com

Kategorien: Berufliche Herzensprojekte | Schlagworte: Mut, persönliche Entwicklung

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